Das Hormon, das wir alle unterschätzen
Es gibt ein Hormon, über das kaum jemand spricht.
Nicht in der Arztpraxis. Nicht in der Schule. Nicht unter Freundinnen, wenn wir über PMS, Schlafprobleme oder das diffuse Gefühl reden, uns selbst nicht mehr zu erkennen.
Dieses Hormon heißt Progesteron.
Und ich bin überzeugt: Wenn mehr Frauen wüssten, was Progesteron wirklich tut, würden sie vieles in ihrem Körper zum ersten Mal wirklich verstehen.
Dieser Artikel ist für dich, wenn du das Gefühl hast, dein Körper spielt verrückt.
Wenn deine Stimmung dich selbst überrascht. Wenn du schläfst und trotzdem nicht zur Ruhe kommst. Wenn deine Periode sich verändert hat und du nicht weißt warum.
Lass uns anfangen.
Was ist Progesteron überhaupt?
Progesteron ist ein Steroidhormon, das hauptsächlich im Corpus luteum produziert wird.
Das ist das Gelbkörperchen, das nach dem Eisprung im Eierstock entsteht.
In der Schwangerschaft übernimmt später die Plazenta die Produktion.
In kleinen Mengen wird Progesteron auch in den Nebennieren und im Gehirn gebildet.
Der Name sagt eigentlich schon alles: "Pro gesta" kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "für die Schwangerschaft". Lange hat man Progesteron deshalb fast ausschließlich mit Schwangerschaft in Verbindung gebracht.
Das ist eine gefährliche Vereinfachung.
Denn Progesteron tut so viel mehr als eine Schwangerschaft vorzubereiten und zu erhalten.
Es beeinflusst dein Nervensystem, deinen Schlaf, deine Stimmung, deine Schilddrüse, deine Knochen, deine Haut und dein Immunsystem.
Es ist, wenn man so will, das große Beruhigungshormon deines Körpers.
Wenn das Gleichgewicht kippt: Was Progesteron wirklich für dich tut
Ich möchte dir das nicht als trockene Liste präsentieren.
Ich möchte, dass du wirklich verstehst, was in deinem Körper passiert, wenn Progesteron da ist und wenn es fehlt.
Progesteron und dein Nervensystem
Progesteron wird im Körper zu Allopregnanolon umgewandelt.
Das klingt kompliziert, ist aber wichtig: Allopregnanolon wirkt an denselben Rezeptoren wie Benzodiazepine, also wie Beruhigungsmittel.
Es reduziert Angst, Anspannung und innere Unruhe.
Wenn Progesteron niedrig ist, fehlt dieser natürliche Dämpfer.
Du kennst vielleicht dieses Gefühl kurz vor der Periode: grundlose Angst, ein inneres Zittern, Reizbarkeit, die sich anfühlt wie Hochspannung ohne Blitzableiter.
Das ist kein psychisches Problem. Das ist dein Nervensystem ohne seinen natürlichen Puffer.
Progesteron und dein Schlaf
Progesteron hat eine sedierende Wirkung. Es hilft dir, tiefer und ruhiger zu schlafen.
Kein Wunder also, dass Schlafprobleme in der zweiten Zyklushälfte und in der Perimenopause so häufig sind.
Frauen, die über Schlaflosigkeit klagen, ohne das sich an ihrer Schlafhygiene etwas verändert hat, werden selten gefragt: "Wo befindest du dich gerade im Zyklus?"
Dabei wäre das die naheliegendste Frage.
Progesteron und deine Stimmung
Progesteron unterstützt die Produktion von GABA, dem wichtigsten hemmenden Neurotransmitter im Gehirn.
GABA bremst, beruhigt, reguliert.
Niedriges Progesteron bedeutet weniger GABA-Aktivität.
Das zeigt sich in Stimmungsschwankungen, Weinerlichkeit, dem Gefühl, emotional zu nah an allem zu sein.
Viele Frauen beschreiben es so: "Ich bin total dünnhäutig. Alles trifft mich gerade voll."
Das ist keine Schwäche. Das ist Neurochemie.
Progesteron und deine Schilddrüse
Das ist ein Zusammenhang, der selbst in der Medizin oft übersehen wird.
Progesteron sensibilisiert die Schilddrüsenrezeptoren.
Es hilft der Schilddrüse, ihre Hormone besser zu nutzen.
Wenn Progesteron niedrig ist, kann es passieren, dass Schilddrüsenhormone zwar vorhanden sind, aber nicht richtig ankommen.
Frauen mit niedrigem Progesteron haben deshalb manchmal Symptome einer Schilddrüsenunterfunktion, obwohl die Laborwerte unauffällig sind: Müdigkeit, Frieren, träge Verdauung, Haarausfall.
Wenn du das kennst: Es lohnt sich, weiter zu schauen als nur auf den TSH-Wert.
Progesteron und deine Schilddrüse
Östrogen schützt vor Knochenabbau. Das wissen viele Frauen. Was die wenigsten wissen: Progesteron stimuliert aktiv den Knochenaufbau. Es aktiviert Osteoblasten, also die Zellen, die neuen Knochen bilden.
In den Jahren vor der Menopause, wenn Progesteron deutlich sinkt, beginnt deshalb oft ein stiller Knochenverlust, der erst viel später sichtbar wird.
Wann und warum sinkt Progesteron?
Das ist die Frage, die wirklich zählt.
Der fehlende Eisprung
Progesteron wird nach dem Eisprung produziert. Kein Eisprung bedeutet kein Progesteron aus dem Gelbkörper.
In der Perimenopause, also den Jahren vor der letzten Regelblutung, beginnen Zyklen anovulatorisch zu werden. Der Körper produziert weiter Östrogen und hat weiter eine Blutung, aber der Eisprung bleibt aus.
Das Ergebnis: Progesteron fehlt, während Östrogen weiter wirkt.
Dieser Prozess beginnt nicht erst mit 50. Er beginnt oft schon Mitte bis Ende 30.
Chronischer Stress
Hier möchte ich etwas erklären, das ich selbst damals nicht wusste und das mich, als ich es verstand, wirklich aufgewühlt hat.
Progesteron und Cortisol werden beide aus Pregnenolon hergestellt, einem gemeinsamen Vorläuferhormon. Wenn der Körper dauerhaft Stress erlebt und dauerhaft Cortisol produzieren muss, verbraucht er Pregnenolon vor allem für Cortisol.
Progesteron bekommt, was übrig bleibt.
Das nennt sich der "Progesteron-Cortisol-Steal" oder auch Pregnenolon-Steal.
Und es erklärt, warum Frauen in stressreichen Lebensphasen plötzlich stärkeres PMS haben, schlechter schlafen und emotional aus dem Gleichgewicht geraten.
Ich habe das selbst durchlebt. Jahre im Funktionsmodus, immer weiter, immer zu viel und mein Körper hat gezeigt, was das mit einem Hormonsystem macht.
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